Literatur

September 15, 2008

Pramoedya Ananta Toer

“Der größte Schriftsteller Indonesiens im 20. Jahrhunderts”

Pramoedya Ananta Toer war wohl wie kaum ein anderer Schriftsteller mit seinen Idealen und seinem Schmerz mit der Nation Indonesien verbunden. Er gehörte zu jenen Literaten, die eine Ideal-Vorstellung von diesem Land mit größter Entschlossenheit vertraten, der jedoch auch am meisten unter der Kluft zwischen dem Indonesien seiner Vorstellung und dem Indonesien der Wirklichkeit litt.

Listening to "history"

Indonesien, so wie es sich Pram vorstellte, war eine Nation frei von jeder Form des Kolonialismus und der Ungerechtigkeit, eine Nation, die sämtliche Strukturen des Feudalismus begraben und gleichzeitig einen fruchtbaren Boden für die Moderne mit ihren wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften bereiten kann. Pram bleibt unübertroffen, wenn er mit großer Leidenschaft über die Bedeutung der Worte „modern“ und „Mensch sein“ auf Indonesisch schrieb, in jener Sprache, die er übernahm und sich aktiv an Bestrebungen beteiligte, sie zu einer modernen Sprache zu entwickeln.

Als Indonesien für die Verteidigung seiner Unabhängigkeit kämpfte, griff Pram zur Waffe und kämpfte gegen die Niederländer und ihre Verbündeten, die die junge Nation erneut kolonialisieren wollten. Pram geriet in blutige Zusammenstöße und verbrachte drei Jahre in niederländischer Gefangenschaft, in der er bereits Kurzgeschichten und Romane verfasste. Als im Folgenden die Souveränität Indonesiens besiegelt war, legte Pram die Waffen nieder und wählte das Wort, um sich einem Land zu widmen und aufzubauen, das er mitbegründet hatte.

Er benutzte die Schrift auch um die chronische Krankheit, an der Indonesien litt, zu untersuchen und um die Wurzeln der Nation Indonesiens freizulegen und zu kräftigen, die zu jener Zeit im Reibungsfeld sozialpolitischer und weltgeschichtlicher Kräfte gediehen.

Die Worte aus Prams Hand wuchsen mit einer solchen Kraft, so dass Pram bald als wichtigster Schriftsteller fiktionaler Prosa Indonesiens und sogar Südostasiens betrachtet wurde. Für den anerkannten Experten indonesischer Literatur Andreas Teeuw ist Pram der größte Schriftsteller Indonesiens im 20. Jahrhundert. Viele Leser vergleichen die Tetralogie Pulau Buru (Insel Buru) mit War And Peace von Leo Tolstoy. Der Kolumnist Tariq Ali beschreibt den Roman Perburuan (Jagd), den Pram in niederländischer Gefangenschaft schrieb, in Komposition und Inhalt gelungener als die Erzählungen von Albert Camus, dem französischen Schriftsteller und Nobelpreisträger von 1957. Pram, der häufig mit dem russischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1970, Alexandr Solzhenitsyn, verglichen wird ─ beide verbindet die Erfahrung grausamer Verbannung ─ wurde tatsächlich häufig von mehreren Seiten für den Literaturnobelpreis als Vertreter Asiens vorgeschlagen.

Als ältester Sohn wurde Pram am 6. Februar 1925 in Blora, im nördlichen Teil Zentraljavas, geboren. Die Mutter Prams war die Tochter eines Religionsführers; den Töchtern der Familie war es laut Brauch untersagt, zu fegen oder die Küche zu betreten. Das schwieriger werdende Leben jedoch zwang die Mutter, die von Pram sehr verehrt wurde, die Familie mit niederer Arbeit zu unterstützen. Sie bestellte die Reisfelder und den Hof, verkaufte auch Reis. Prams Vater stammte aus dem Kleinadel. Als Lehrer unterrichtete er zunächst an einer Grundschule, die sich im Besitz der Niederländer befand. Später entschied er sich, Direktor einer „wilden“ Schule zu werden, die der Organisation des Vorreiters der nationalen Bewegung, Boedi Oetomo, angehörte. Einher ging damit ein sehr geringes Gehalt und ─ als Widerständler gegen die Kolonialregierung ─ eine ungewisse Zukunft.

Seinem eigenen Geständnis zufolge, galt Pram nicht als ein kluges Kind. Als seine Grundschulbildung abgeschlossen war und er die weiterführende Mittelschule besuchen wollte, befahl ihm sein Vater streng die Grundschule noch einmal zu wiederholen. Aufgrund des Konflikts mit schwerem Herzen ging Pram nicht zurück, sondern absolvierte statt dessen eine Ausbildung an der Schule für Radio-Technik in Surabaya. Die Invasion der Japaner vereitelte Prams Abschlussfeier, aber nach der Ausbildung arbeitete er bis 1945 als Schreibkraft im japanischen Nachrichtenbüro Domei. Von dieser Schreibkraft, von der sogar der eigene Vater behauptete, sie sei schwer von Begriff, stammten später eine Reihe von Texten, deren Einfluss auf die Welt der Literatur und für die Intelligenzija Indonesiens im 20. Jahrhundert unauslöschbar bleibt.

Zeit seines Lebens schuf Pram mehr als 20 literarische Werke und eine beachtliche Zahl von Übersetzungen und Bearbeitungen. Außer Gedichte schrieb er in sämtlichen Hauptformen der Literatur. Sein umfangreiches Essay Hoakiau di Indonesia (Hoakiau in Indonesien), in dem er die Bürgerrechte der Menschen chinesischer Abstammung verteidigt, ist ein wertvolles Dokument, das sich dem Rassismus des Staates und der Gesellschaft widersetzt. Seine Kurzgeschichten aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges besitzen eine literarische Qualität, die kaum zu übertreffen ist. Seine Briefe, die er während der Verbannung schrieb und später in Nyanyi Sunyi Seorang Bisu (Englische Übersetzung: The Mute’s Soliloquy) veröffentlichte, zeigt auf poetische Weise die Fähigkeit des Menschen in einer Welt zu bestehen, in der die Würde erniedrigt wird. Die Tetralogie Pulau Buru (Insel Buru) machte Pram mehr und mehr in Literaturkreisen weltweit bekannt und zum gepriesenen Held bei jungen Lesern in seinem Heimatland.

Seit seiner Festnahme und Folter im Jahre 1965 bis zum Tag seines Todes am 30. April 2006 litt Pram an einem enormen Verlust. Es war nicht der Verlust seiner Freiheit für die Dauer von zwei Jahrzehnten ─ darunter zehn Jahre der Verbannung auf der Insel Buru ─ durch das Regime Soeharto. Pram ist ein Faustianer, der furchtlos die Folgen seiner Überzeugung auf sich nimmt, auch wenn er hundert Tode sterben muss. Der Verlust, der ihn am meisten schmerzte, der auch einen großen Verlust für die intellektuelle Welt Indonesiens darstellt, ist die Zerstörung seiner Privatbibliothek. Sie enthielt ungefähr 5000 Buchtitel, eine große Anzahl von Dokumenten und Zeitungsausschnitten sowie eine Reihe von Manuskripten Prams. Unter den Dokumenten befanden sich Materialien für die Zusammenstellung einer Enzyklopädie Indonesiens, Kurzgeschichten Bung Karnos (Sukarno, dem ersten Präsidenten der Republik Indonesien), literarische Werke aus der Zeit vor der Gründung Indonesiens und Manuskripte über Frauen, die eine besondere Rolle in der Geschichte des Landes spielten.

Als Pram verhaftet wurde in jenem blutigen Jahr, bot er diese Bibliothek sogar den Machthabern an mit der Hoffnung, ihr Inhalt könnte genutzt werden. Aber die Regierenden, die Pram feindlich gegenüberstanden, waren nicht daran interessiert, die Geschichte Indonesiens zu bewahren, sondern an der Anhäufung der Macht. Dafür war ihnen jedes Mittel recht, auch die Zerstörung und der Raub der Geschichte. Die militärischen Machthaber waren nicht gebildet genug, um diese Schriften zu schätzen und zu achten. Sie verbrannten nicht nur die Bücherkollektion Prams, sondern verboten dem Schriftsteller den Besitz von Papier, und machten dessen neue Bücher mundtot, auch jene Bücher, die in der Verbannung entstanden waren. Weil sie Prams Romane verbreiteten, wurden drei junge Leute gefangen genommen und verbrachten acht Jahre im Gefängnis; ein verrücktes Urteil, das selbst die niederländische Kolonialregierung niemals verhängt hätte.

Heute ist das Regime Soeharto gestürzt und die Werke Prams, seine Geistkinder, haben bereits große Verbreitung gefunden, obwohl sie per Gesetz nach wie vor verboten sind. Einige seiner Werke sind bereits in ungefähr 40 Sprachen übersetzt. Nicht alle Werke Prams zeigen eine erstaunliche literarische Qualität ─ manchmal erscheint seine sprachliche Geschicklichkeit und seine Vorstellungskraft eher schlicht ─ jedoch sind diese Werke Beweis seiner unerschütterlichen Entschlossenheit, den Leser aufzuwecken und sich bewusst zu machen, dass Menschen unterdrückt werden und es eine dunkle Seite der Gesellschaft gibt. Damit einher geht Prams Entschlossenheit, die Solidarität innerhalb der Nation zu stärken und gleichzeitig den geschichtlichen Horizont und den der Vernunft für das junge werdende Volk zu vergrößern.

Pramoedya Ananta Toer gehört tatsächlich dem 20. Jahrhundert an, jedoch mit einem wertvollen Erbe für das 21. Jahrhundert.***

Nirwan Ahmad Arsuka, Essayist, Literaturkritiker, Editor.

Übersetzung und Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

Copyright: Goethe-Institut Jakarta

Translated from Indonesian by Sabine Müller

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