Literatur

September 14, 2008

Ein kurzer Überblick über

die Literatur Indonesiens

Die Republik Indonesien stellt das größte Archipel der Welt dar und erstreckt sich nördlich und südlich des Äquators zwischen Asien und Australien und zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean. Aufgrund seiner Lage zwischen zwei Kontinenten und zwei Ozeanen wird die Republik, die 13 677 Inseln umfasst — etwa 6000 Inseln sind bewohnt — auch als Nusantara (Inselreich in der Mitte) bezeichnet. Ausgedehnt über drei Zeitzonen innerhalb der Koordinaten 97” – 141” Östlicher Länge und 6” Nördlicher Breite und 11” Südlicher Breite, ist das Gebiet Indonesiens fünf mal größer als das der Bundesrepublik Deutschland. Wie in anderen Kulturen der Welt hat sich die Literatur in diesem Land bereits seit schriftloser Zeit entwickelt.

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Alte Volkserzählungen, mit denen sich der Mensch inmitten des grenzenlosen Meeres von Raum und Zeit einen Platz zu geben versucht, finden sich weit verbreitet in Nusantara — schwimmen im reißenden Strom der Geschichte. Ein Großteil der verfassten traditionellen Volkserzählungen, die mündlich überliefert wurden, sind bereits unter die Oberfläche der Geschichte gesunken. Ein anderer Teil treibt zwischen den großen Erzählungen umher, die aus jüngerer Zeit stammen. Wie eine seltene Orchidee, die man nur in bestimmten ökologischen Nischen findet, überdauern diese Volksweisen auch nach ihrer Blütezeit, halten sich und warten auf das Kommen neuer Schriftsteller und Leser, die sie beleben können. Die althergebrachte Literatur, die dann heute unzählige Arten der Formgestaltung beisteuern kann, nimmt zahlenmäßig zu. Eines der Beispiele aus diesem Reichtum ist Bujang Tan Domang, eine umfangreiche lyrische Prosa, die von den Petalangan, einer ethnischen Gruppe der Provinz Riau, erzählt wird.

Vor ungefähr 1000 Jahren waren es die chinesische und vor allem die indische Kultur, die den größten Einfluss in der Region Nusantaras ausübten. Die hindu-buddhistische Zivilisation hinterließ unauslöschliche Spuren im Schatz der klassischen Literatur des Archipels, vor allem auf Java und Bali. Die altjavanische Literatur (Sastra Jawa Kuna) stammt aus dem 9. bis 14. Jahrhundert und findet sich sowohl in der Form von Prosa, Gancaran, als auch in Gedichtform, Kakawin. Einige dieser alten Werke sind Kakawin Ramayana (verfasst um 870), Kakawin Arjunawiwaha (geschrieben von Mpu Kanwa um 1030), Kakawin Bharatayuddha (von Mpu Sedah und Mpu Panuluh um etwa 1157), Kakawin Nagarakertagama (von Mpu Prapanca um etwa 1365), Kakawin Arjunawijaya und Kakawin Sutasoma von Mpu Tantular, das in der großen Zeit des Königreichs Majapahit während der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts verfasst wurde. Ein großer Teil der bekannten Gancaran und Kakawin, die in großer Zahl geschaffen wurden, gibt allerdings keinerlei Aufschluss über die Identität des Verfassers oder der Entstehungszeit.

Die indische oder hinduistisch-buddhistische Kultur hinterließ in der Tat einen beachtlichen Einfluss in Nusantara. Das bedeutendste klassische Literaturwerk des Archipels scheint allerdings nahezu unberührt davon zu sein. Dieses Werk entstand tatsächlich außerhalb der Inseln Java und Bali, nämlich auf Sulawesi und ist unter dem Namen La Galigo bekannt. Verfasst in ungefähr 300.000 Verszeilen in alter buginesicher Sprache mit verschiedenen untereinander verbundenen Geschichten, stellt La Galigo eine große Erzählung über die Genese der Menschheit und des ältesten Königreichs dar, das im Land der Bugis verehrt wird: jenes Zentrum, mit dem die Bugis Lama (die Alten Bugis) sich einen Standort behaupteten und eine Ordnung gaben. Dieser mythologische Epos übertrifft die Länge des Mahabharata und wurde erst ungefähr seit dem 13. Jahrhundert schriftlich festgehalten. Er inspirierte bereits den Regisseur des Avantgardtheaters Robert Wilson, der Ausschnitte dieses großen Werks weltweit in mehreren Städten auf die Bühne brachte.

Seit Jahrhunderten war Malayisch die Lingua Franka im Archipel. Ein Großteil der Literatur in malayischer Sprache ist in der Form von Gedichten geschrieben, wie Pantun (vierzeiliges Gedicht), Gurindam (zweizeiliger Aphorismus) und Hikayat (Erzählung). Bis ungefähr zu der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert erlebten diese literarischen Werke eine Blütezeit in verschiedenen Teilen Sumatras wie Langkat, Tapanuli, Padang und der Region entlang der Küste Malaysias. Anfänglich gedeiht diese Literatur üppig in den Kreisen der malayischen Königspaläste, blüht dann aber auch in anderen Schichten der Gesellschaft mit einem anderen Charakter. In der Gesellschaft chinesischer Abstammung und der Indo-Europäer fand die malayischsprachige Literatur ebenfalls ein Saatbeet und wuchs zu einer sehr dichten Vegetation heran. Wie bei allen Schaffensbereichen, die eine Entwicklung erfahren, so fanden sich auch im weiteren Verlauf zahlreiche Adaptionen und Übersetzungen innerhalb der malayischsprachigen Literatur. Herausragende malayische Originalwerke sind Hikayat Hang Tuah, Hikayat Bayan Budiman, Hikayat Abdullah, Hikayat Putri Djohar Manikam, Syair Bidasari, Syair Ken Tambuhan, Syair Raja Mambang Jauhari und Gurindam Duabelas (Syair: Gedicht).

Am Anfang des 20. Jahrhunderts setzten sich Teile der gebildeten Jugend dafür ein, das Malayische zur indonesischen Sprache zu reformieren: eine Sprache, die einerseits physisch und geistig alle Angehörigen des kolonialisierten Volkes mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit zu verbinden vermag, und die andererseits das junge Volk dabei unterstützt, eine Realität der Welt zu erfassen. Die Leidenschaft der Befreiung ist in der Tat bei den wichtigsten Werken der indonesischsprachigen Literatur spürbar. Diese Leidenschaft steht — in verschiedener Intensität — den Literaten Indonesiens Pate, die im Folgenden zahlreich ihre Laufbahn einschlugen. Aus dieser Sprache schöpften Dichter wie Amir Hamzah, Chairil Anwar, Sitor Situmorang, Subagyo Sastrowardoyo, Sapardi Joko Damono, Goenawan Mohamad, W.S. Rendra, Taufik Ismail, Sutardji Calzoum Bachri und viele andere. Ebenso bedienten sich ihrer Prosaschriftsteller wie Takdir Alisyahbana, Armyn Pane, Idrus, Umar Kayam, Y.B. Mangun Wijaya, Putu Wijaya, Ahmad Tohari oder der bekannteste Schriftsteller Indonesiens: Pramoedya Ananta Toer. Die genannten Namen sind nur wenige aus den Reihen der Seniorschriftsteller, die älter als ein halbes Jahrhundert sind, einige sind bereits verstorben, und deren Werke die Bibliothek der indonesischen Literatur bereichern. Die Leidenschaft der Befreiung wird von den jüngeren Schriftstellern weitergetragen. Zwei der bekanntesten unter ihnen sind der Autor-Journalist Seno Gumira Ajidarma und der Dichter-Aktivist Wiji Thukul. Wiji Thukul wurde während der Ereignisse um den Sturz Soehartos [1998] verschleppt und bis heute ist nichts über sein Schicksal bekannt.***

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Nirwan Ahmad Arsuka, Essayist, Literaturkritiker, Editor, lebt in Jakarta.

Übersetzung mit Genehmigung des Autors.

Copyright: Goethe-Institut Jakarta

Translated from Indonesian by Sabine Müller

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