Literatur

September 13, 2008

Literatur Indonesiens:

Schriftstellerinnen und junge Autoren

Die moderne indonesische oder, genauer gesagt, indonesischsprachige Literatur, die mit dem zunehmenden Nationalbewusstsein in Indonesien entstand, wurde von v.a. jungen Leuten vorangetrieben. Literarischen Bewegungen, die die Literaturgeschichte Indonesiens prägen und Bewegungen, die vor und nach der Proklamation der Unabhängigkeit ihren Weg einschlugen, standen eindeutig junge Schriftsteller vor.

Am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert wird der Pulsschlag der indonesischen Literatur noch immer stark von jungen Leuten bestimmt. Die Gruppe der Älteren, das sind jene, die während ihrer Jugend schon schrieben und einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der indonesischsprachigen Literatur lieferten, schrieben nach wie vor und ihre Werke ragen noch immer heraus. Aber nicht sie, sondern die Schriftstellergeneration nach ihnen ließ das Leben der indonesischsprachigen Literatur am Anfang diesen Jahrhunderts erscheinen, als bewege es sich weitaus dynamischer.

Die ersten Jahre im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stellt eine Periode dar, die einige interessante Aspekte in der Entwicklung der indonesischen Literatur aufzeigt. Seit den letzten fünf Jahren erscheinen jedes Jahr mehr als 100 Werke aus dem Bereich der Fiktion (Romane und Gedichte). In der Geschichte der indonesischen Literatur hat diese Zahl eine große Bedeutung, denn es ist dies die bisher höchste Zahl. Nicht nur die Zahl der erschienenen Titel erfuhr einen großen Anstieg, sondern auch die Zahl der Exemplare der verkauften Bücher stieg in die Höhe. Einige junge Schriftsteller unter 30 Jahren verzeichnen einen Verkauf ihrer Bücher von über 10.000 Exemplaren innerhalb eines Jahres. Diese Zahl überrascht. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt ein Schriftsteller bereits als herausragend, wenn sein Buch mit einer Stückzahl von 3000 Exemplaren innerhalb von fünf Jahren verkauft wurde. Kurz, in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts zeigt die indonesische Literatur eine glänzende Entwicklung und verantwortlich dafür sind die jungen Schriftsteller.

Während in den 80er Jahren vor allem männliche Schriftsteller im Bereich Fiktion den Markt beherrschten, so sind es am Übergang zu diesem Jahrhundert meist Frauen, deren Fiktionsliteratur sich größter Beliebtheit erfreut. Frauen nehmen in der Tat einen besonderen Stellenwert im Bereich der modernen indonesischen Literatur und des Denkens ein. Gedanken über Modernität und Gleichheit, die später auch das wachsende Bewusstsein für Fortschritt und Nationalität in Indonesien inspirierten, wurden zum ersten Mal von einer Frau niedergeschrieben: Raden Ajeng Kartini. Die wichtigste Novelle vor der Unabhängigkeit Indonesiens Manusia Bebas (Der freie Mensch) (niederländischer Titel: Buiten het Gareel) wurde ebenfalls von einer Frau geschrieben: Soewarsih Djojopuspito. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben Frauen dem Körper der indonesischen zeitgenössischen Literatur eine neue Energie eingehaucht. Angefangen von Ayu Utami mit Saman (1. Ausgabe 1994) und gefolgt von Dewi Lestari mit Supernova (1. Ausgabe 1999) zeigen die jungen Schriftstellerinnen eine bemerkenswerte Entwicklung und Blütezeit, so dass es fast scheint, der Gruppe der Männer gebühre eher lediglich eine Fußnote, gäbe es eine ausführliche Studie über die marktführenden Schriftsteller in dieser Periode.

Ayu Utami bietet mit Saman und Larung eine außerordentliche Beherrschung der indonesischen Sprache dar. Ihre erzählerischen Fähigkeiten sind ebenfalls bemerkenswert: sie ist in der Lage Erzählungen zu komponieren, die Stimmungen und Einzelheiten auf starke Art und Weise zeichnen. Dewi Lestari präsentiert mit der Folge Supernova literarische Experimente und Ausgestaltungen, die ebenfalls herausragend sind. Sie bewegt sich hier von einer Komposition mit zirkulärem Erzählstrang bei der ersten Folge hin zu einer mit linearem Plot in der zweiten Folge. Oka Rusmini schreibt ihre Prosa und Gedichte mit großer Leidenschaft, die von der Tradition Balis und auch dem zündenden Anliegen der Gleichheit der Geschlechter inspiriert ist. Das Thema der Gleichheit der Geschlechter ist spürbar stark bei vielen anderen Schriftstellerinnen, und diese präsentieren dieses Anliegen mit unterschiedlichen literarischen Strategien. Rosa Herliany, Nukila Amal, Dinar Rahayu, Linda Christianty, Laksmi Pamuntjak, Djenar Maesa Ayu, Rieke Dyah Pitaloka, Intan Paramaditha, Fira Basuki, Herlinatien, Dina Oktaviani, Nova Rianti Yusuf sind nur einige Namen von Autorinnen, die ihre Werke in Inhalt und Form präsentieren, die eine sehr interessante gesonderte Besprechung verheißen.

Neben jenen, die individuell arbeiten, schließen sich einige junge Schriftstellerinnen zusammen und bilden Literaturgemeinschaften, die für sie eher den Raum für ihre Anliegen bieten. Unter diesen Gemeinschaften findet sich das Forum Lingkar Pena, das von den Schriftstellerinnen Helvy Tiana Rosa, Asma Nadia und Mutmainah gegründet wurde. Dieses Forum hat mehr als 5000 Mitglieder im In- und Ausland. Es ist offen für Männer und Frauen, jedoch verbindet seine Mitglieder das junge Alter und der Drang mit religiösem Hintergrund zu schreiben. Wenn die Sexualität — über die von einigen jungen Schriftstellerinnen offen geschrieben wird — als literarische Rache gegenüber einer heuchlerischen Kultur aufgefasst werden kann, dann kann die religiöse Literatur, die vom Forum Lingkar Pena herausgegeben wird, als religiöser Widerstand gegen die ungerechte Geschichte betrachtet werden: ein weicher Widerstand, der lieber Erzählungen zum zünden bringt anstatt Bomben.

Die männlichen Kollegen im Alter von unter 40 Jahren — wie AS Laksana, Zen Hae, Raudal Tanjung Banua, Puthut EA, Gunawan Maryanto, Eka Kurniawan, Ugoran Prasad, Azhari, Emil Aulia, Binhad Nurohmat, Iswadi Pratama, um nur einige Namen zu nennen — sind im Vergleich entspannter beim Umgang mit dem Thema Gleichheit der Geschlechter. Bis zu einem bestimmten Grad beschäftigen sich einige unter ihnen auch mit diesem Komplex. Sie bekommen in der Tat nicht diese weitreichende Medienresonanz wie ihre weiblichen Pendants, aber sie bieten ebenfalls nicht weniger interessante Ansätze.

Diese Schriftsteller unter 40, Männer und Frauen, zeigen ein Spiel mit der Sprache, das im Vergleich viel ansprechender ist als das der Mehrzahl der älteren Kollegen. Die Themen, die sie berühren, erscheinen auch vielseitiger und ihre literarischen Aktivitäten bereichern das vorhandene Feld. Ein Teil der Autoren trifft sich regelmäßig in Cafés, ein anderer Teil interagiert mehr in der virtuellen Welt, wie es z.B. an der Gesellschaft Cybersastra (Cyberliteratur) beobachtet werden kann.

Wenn diese jungen Schriftsteller weiterhin mit dieser großen Entschlossenheit arbeiten, um das bisher Erreichte zu übertreffen und sich mit den besten Schriftstellern der Welt messen, mit einem echten Bewusstsein für Sprache als Medium und für die Welt als Lebensgefährte und gleichzeitig Sparingspartner in der Literatur, dann ist es nicht unmöglich, dass es unter ihnen einige Literaten gibt, die mit ihren Werken tatsächlich den Horizont der selbst absonderlichsten Erwartungen der Leser überschreiten.***

Nirwan Ahmad Arsuka, Essayist, Literaturkritiker, Editor.

Übersetzung und Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

Copyright: Goethe-Institut Jakarta

Translated from Indonesian by Sabine Müller

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