Literatur

September 10, 2008

Raoul Schrott und die Dichtung

Am Abend des 28. September 2006 scheint sich der Saal des GoetheHaus Jakarta plötzlich auszudehnen, als der Schauspieler Arswendy Nasution beginnt, Auszüge aus der Übersetzung der Novelle Die Wüste Lop Nor von Raoul Schrott zu lesen. Bilder von Stränden und Hügeln, von alten Städten und Häfen, seufzenden Sandwüsten und heiligen Stätten, in Steilufer gemeißelt, erheben sich tanzend aus der Lesung, treiben die Wände des abgedunkelten Saales auseinander und verbinden diesen mit der Weite der Welt.

Drei Stunden vorher fand ein ähnliches Abenteuer im Ausstellungsraum gleich neben dem Saal statt, als dieser eine Diskussion im kleinen Kreis beherbergte. Vor ungefähr 20 Diskussionsteilnehmern legte Raoul seine Sicht über das Wesen der Dichtung dar, über den Ursprung von Reimen, über die Zauberkraft von Worten, wenn sie Bilder menschlichen Handelns vorführen. Neben den Schwierigkeiten bei der Übersetzung von literarischen Werken sprach Raoul auch Probleme der Sprache an, die die moderne Physik umfasst. Die Darlegungen Raouls eröffneten ein Panorama, das die Zeitgrenzen durchbrach und die Diskussionsteilnehmer zu den ersten Stunden der Dichtung vor etwa 4000 Jahren führte bis hin zur gegenwärtigen Auseinandersetzung der Dichtung, die er auf eine gleiche Stufe mit der Quantenmechanik stellt.

Raoul Schrott ist zweifellos ein glänzender Literat, lebendig, und seine Werke stellen Erzählungen über Grenzübergänge dar, die sich inmitten der verschiedenartigen Länder, Sprachen und Kulturen souverän abspielen. Der 42-jährige Dichter selbst wurde in Brasilien geboren, wuchs in Tunesien auf und lebt heute auf jener Insel, die einige herausragende Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hervorbrachte: Irland. Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller im deutschsprachigen Raum und hat dort – wo man nicht nur Goethe, Schiller und Hölderlin kennt — mit der Sammlung Die Erfindung der Poesie — Gedichte der ersten viertausend Jahre (The Invention of Poetry / Poems from the First Four Thousand Years) für großes Aufsehen gesorgt. Für dieses Werk suchte und übersetzte Raoul Gedichte aus verschiedensten Regionen der Erde, die in den vergangenen vier Jahrtausenden entstanden. Dies stellt sicherlich eine enorme Leistung dar, die auch dazu beiträgt, Spuren der Kindheit unserer Zivilisation, der Zeit ihres Wachstums und der Entwicklung der menschlichen Kultur zu bewahren.

Nicht nur als Romancier und Übersetzer ist Raoul, der Indonesien bereits vor drei Jahren einmal besucht hatte, anerkannt, sondern auch als Wissenschaftler, Dichter, Essayist und Herausgeber. Nachdem er u.a. ein Werk von Derek Walcott übersetzt und das älteste der Menschheit bekannte Epos, Gilgamesh, adaptierte, arbeitet Raoul zurzeit an einer Neuübersetzung des Homer. Der Doktor der Philosophie, der einige Sprachen beherrscht, die heute altertümlich anmuten, hat in der Tat eine besondere Position bei der Betrachtung von Dichtung und Sprache inne. In den Arbeiten Raouls begegnen wir den Gedichten respektvoller; sie leben in der Sprache, sind aber gleichzeitig älter als die Sprachen der Menschen. Dies macht Übersetzung zu etwas durchaus Möglichem, wenn es auch nicht immer einfach ist. Übersetzen heißt, ein Gedicht balancieren lassen, aus einer Sprache in eine andere tanzen lassen, und nicht, es mit einer steifen Sprachregel in einen Käfig zu sperren. Große Dichtung, so scheint es, ist nicht etwas zu dem die Menschen nach Gutdünken kommen (können). Es ist die große Dichtung, die zum Menschen kommt, die zu einem dauerhaften Freund werden kann, wenn der Mensch sie empfängt mit einem ausgebreiteten Teppich einer glänzenden Sprachbeherrschung.***

Nirwan Ahmad Arsuka, Essayist, Literaturkritiker, Editor.

Veröffentlichung und Übersetzung mit Genehmigung des Autors.

Copyright: Goethe-Institut Jakarta

Translated from Indonesian by Sabine Müller

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