Literatur

September 9, 2008

Ein Roman der dritten Kultur?

1959 hielt Charles Percy Snow einen Vortrag an der Universität Cambridge, der eine lange Debatte auf der nördlichen Halbkugel auslöste. Der Vortrag, der später in Snows Buch mit dem Titel The Two Cultures erschien, beleuchtet die Kluft zwischen zwei Kulturen. Auf der einen Seite stünde demnach die literarische Kultur, jene Gruppe, die sich von je her als intellektuell bezeichnen würde. Obwohl ihre Werke fiktionalen Charakters seien und mehr die Form von Kommentaren auf Kommentare hätten, seien es gerade die Vertreter dieser Kultur, die das Recht in Anspruch nähmen, über die großen Dinge des Daseins zu sprechen und Erklärungen über die Welt abzugeben. Auf der anderen Seite stünden die Wissenschaftler, die noch niemals als intellektuell betrachtet worden seien, schon eher manchmal als Handwerker. Doch gerade ihre in der empirischen Welt fußende Arbeit veränderte die Welt sichtbar.

Der zweiten Ausgabe seines Buchs fügte C.P. Snow einen Essay hinzu, in der er auf die Entstehung einer dritten Kultur baut, die die wissenschaftliche und die literarische Kultur miteinander vereint. Als ich zum ersten Mal von dem Roman Supernova hörte, dachte ich, dies sei der Roman der dritten Kultur in Indonesien. Als ich ihn dann – ein wenig stockend – las, schien mir, dass Dee (Dewi Lestari), die Autorin der Supernova, das Potenzial dazu hat, ein wichtiger Teil von C.P. Snows Traum zu werden (zumindest in Indonesien). Supernova ist mit sichtbarem Talent geschrieben und der glühenden Leidenschaft eines sich herausgefordert fühlenden Anfängers.

Das schriftstellerische Talent Dees ist hinreichend sichtbar am Einsatz der Sprache. Terry Eagleton zufolge wird die Literatur, zumindest für die Formalisten in Russland, nicht durch ihren fiktionalen oder imaginativen Charakter bestimmt. Ausschlaggebend ist vielmehr die Verwendung einer ungewöhnlichen und besonderen Sprache. Die indonesische Sprache wird von Dee gewandt mit der esoterischen Sprache der Welt der Wissenschaft vermischt und mit der Umgangssprache der Jugendlichen variiert. Zusammen mit einer gewissen Sympathie für eine bestimmte Gesellschaftsschicht verbinden sich Spontaneität, Wendigkeit und Vertrautheit der Sprache von jungen Leuten durch den gesamten Roman hinweg.

Das Problem ist jedoch, dass Dees Gebrauch ihrer interessanten Sprache noch nicht weit genug geht. Das Vermögen, eine systematische Abweichung von und eine kontrollierte „Gewalt“ an der Sprache zu vollziehen, die dem Leser ein gesteigertes Bewusstsein gegenüber der Sprache und der Welt verschaffen könnte, ist nicht zu erkennen. Das sprachliche Vermögen Dees beruht auf ihrem Talent und ihrer Intuition und ist keines, das sich durch harte Auseinandersetzungen und tiefen Betrachtungen gebildet hat. Einige der gewählten Metaphern sind in der Tat überraschend, einige sind es wiederum weniger. Ein Beispiel: “Wajah itu datar seperti waterpas.” (Seite 21 der indonesischen Originalausgabe): „Das Gesicht ist eben wie eine Wasserwaage“. „Eben“ im Sinne von emotionslos und ohne dramatisches Element ist eine Sache, und „eben“ im Sinne von horizontaler Gleichmäßigkeit ist wieder eine andere Sache.

Interessant ist jedoch, wie dieser Roman mit den neuesten wissenschaftlichen Theorien spielt. Ohne diese Theorien wäre der Roman lediglich eine verwickelte Liebesgeschichte von Erwachsenen, die sich ein gerade volljährig gewordener Bücherwurm ausgedacht hat. Der Plot des Romans selbst ähnelt der Klein’schen Flasche (Felix Klein), bei der der äußere Teil gleichzeitig auch den inneren Teil bildet. Ruben und Dhimas, die gemeinsam eine Geschichte erfinden, treten am Ende selbst in diese ein.

Doch ähnlich wie bei ihrer Sprache wirkt der Umgang Dees mit den Theorien mehr wie ein Amateurringen. Für den Leser, der mit den neuesten Errungenschaften der Wissenschaft nicht vertraut ist, sind die wirklich üppig dargestellten Theorien sicher faszinierend. Aber der Leseeffekt könnte anders sein für jene, die die Geschichte und die Fachterminologie der erwähnten Theorien kennen, die verstehen, dass Theorien lediglich konzeptuelle Schemata sind und nur in ihrem jeweiligen Gültigkeitsbereich ein vollständiges Bild vermitteln.

Die Chaostheorie ist interessant unter anderem, weil sie tägliche Erfahrungen mit Naturgesetzen verbindet, indem sie den undeutlichen Zusammenhang der Einfachheit mit der Komplexität, dem Geordneten mit dem Durcheinander, beschreibt. Aber mittlerweile, so der Mathematiker Ian Stewart, dient Chaos als Vorwand, wenn Ordnung und Kontrolle fehlen. Dabei ist die Chaostheorie eine Technik, mit der sich eine versteckte Ordnung aufzeigen lässt, oder eine Methode, um ein System zu kontrollieren, dass anfänglich als ungeordnet galt. Aber das Chaos verliert seinen Wert, weil es als das Wesen der Wirklichkeit verkauft wird. Wie es in Supernova heißt: „Sesempurna apapun sebuah tatanan, dapat dipastikan chaos selalu ada, membayangi seperti siluman abadi.“ (Seite 3 der indonesischen Originalausgabe): „Wie vollkommen ein System auch immer sein mag, das Chaos fehlt mit Sicherheit nicht, wirft seinen Schatten wie ein ewiger Spuk“.

Weil es als das Wesen der Wirklichkeit gedacht wird, kann das Chaos wie auch das Unlogische leicht zu einem Erzählgebäude gemacht werden. Hierbei geben dann das Chaos, ebenso wie die Relativität Gelegenheit dazu, die Geschichte und die Charaktere zu unterdrücken. Diva ist der interessanteste Charakter in Supernova. Sie ist klug und schön und hat Charakter, sie wird willkürlich zu einer Hure gemacht. Außer ein falsches Verständnis über Relativität zu verbreiten, kann die Prostituierung Divas auch dazu führen, das Verständnis des Lesers von Prostitution zu provozieren, in der Weise wie etwa: „Diva verkauft doch nur ihren Körper, viele Menschen dagegen verkaufen ihr Denken.“ Als ob Denken und Körper zwei voneinander getrennte Dinge wären, als ob jene Menschen, die ihren Körper verkaufen, nicht auch ihr Denken verkaufen würden.

Auf Leser, die eine ernsthafte Haltung der Geschichte, den Gepflogenheiten und der faktischen Entwicklung der Wissenschaft gegenüber haben, wird der Mix der neuesten Wissenschaftstheorien in Supernova störend wirken. Ich versuchte, dies zu überwinden, indem ich zunächst mein wissenschaftliches Verständnis ausgesetzt und eine offene Haltung gegenüber dem Text eingenommen habe; ich bemühte mich, zu verstehen, was Dee eigentlich sagen möchte, nicht, was sie schreibt. Auch habe ich gesehen, wie große Worte und esoterische Theorien wie Drogen auf Gedanken wirken und wie diese sich mit unvollständigen Informationen und spekulativen Konzepten verbinden. Das Ergebnis war, dass diese Störungen wie Unterhaltungseinlagen wirkten, die mich immer wieder laut auflachen ließen.

Jedoch hat Dees Anliegen die Wissenschaft vorzustellen zu Recht viel Lob erhalten. Ihre Auseinandersetzung mit der Wissenschaft, vor allem ihre Methode, die weit mehr Wert besitzt als ihr Ergebnis, ist ein Muss in diesem Land, das ziemlich wissenschaftsblind ist. Es ist begrüßenswert, die Neugier der Öffentlichkeit auf die äußersten Grenzen der wissenschaftlichen Forschungen zu entfachen, auch mit unvollkommener, sogar teils leichtsinniger Ausdrucksweise. Wenn einmal die Fackel der Neugier brennt, lassen sich solidere Erklärungen suchen. Versuche, dieses Feuer zu entfachen, gab es bereits von Seiten einiger Fachleute, wie z.B. von Daoed Joesoef. Aber die beiden Texte des ehemaligen Kultur und Bildungsministers über die metaphysische Krise der Naturwissenschaften und der Fraktalgeometrie, die am ITB (Institut Teknologi Bandung) vorgestellt wurden, haben nicht diesen Aufsehen erregenden Beifall erhalten wie Supernova. In der Tat besitzt Dee etwas, das Größe erreichen kann, wenn sie eine literarische und wissenschaftliche Gemeinschaft findet, sie sie weiter ausbildet.

Nirwan Ahmad Arsuka, Essayist, Literaturkritiker, Editor.

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung eines längeren Essays.

Übersetzung und Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

Copyright: Goethe-Institut Jakarta

Translated from Indonesian by Sabine Müller

Tempo Magazine, 8 April 2001

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