Literatur

September 9, 2008

Heilende Erinnerungen

Mit „Comparative Literary Studies“ wird ein weiter Fachbereich bezeichnet, der sich mit Literatur und anderen Formen der Kunst auseinandersetzt. Vergleichende Analysen überschreiten hierbei Landesgrenzen und linguistische Grenzen, wobei jedoch der geschichtliche und kulturelle Kontext der jeweiligen Werke berücksichtigt bleibt. Der folgende Artikel wird nicht so weit gehen, er versucht lediglich die beiden Romane Larung von Ayu Utami (Indonesien) und The God of Small Things von Arundhati Roy (Indien) zu vergleichen. Diese Romane – beide von jungen Frauen geschrieben, die aus asiatischen Ländern stammen – können als außergewöhnlich bezeichnet werden. Noch bevor Larung auf dem Markt erschien, wurden bereits ca. 15.000 Exemplare des Buchs vorbestellt. Dies ist eine phänomenale Leistung für indonesische Verhältnisse. Der Roman The God of Small Things erschien bereits vor einigen Jahren, und bis heute wurden von ihm mehr als sechs Millionen Exemplare verkauft und er wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Sowohl bei Larung als auch bei The God of Small Things fällt bald die Präsenz von kleinen Dingen auf, von Gegenständen, die unbedeutend scheinen, jedoch real vorhanden sind und auf starke Art und Weise „Stimmungen“ entfalten können. Schon nach den ersten Seiten wird deutlich, dass die beiden Romane jeweils Episoden erzählen werden, die jede für sich stehen könnten; wie Diamanten, die von genauen Beobachtungen und einem scharfen Blick auf die scheinbar unbedeutenden Dinge geschliffen wurden. Mit ihrer Sprache, ihren Metaphern, ihrem Rhythmus und ihrer Lyrik regen diese beiden Romane unsere Vorstellungskraft an und beleben unsere Erfahrungen, die nicht nur in Verbindung mit unbedeutenden Dingen stehen. Etwas erfahren, das wissen wir, heißt, sich dem Wesen von Dingen öffnen, ob bewusst oder unbewusst. Als würden wir wesentliche Eigenschaften von Dingen in uns aufnehmen, wobei wir einige dieser Eigenschaften vielleicht vergessen, sie bleiben jedoch und lassen sich als Teil unseres Unterbewusstseins nieder. In besonderen Momenten wird das Vergessene wieder lebendig und bereichert unser Leben, erhöht es um eine Stufe.

Der augenfälligste Unterschied zwischen Larung und The God of Small Things liegt in den Formulierungen und den Gegensätzen, die sie ausdrücken. Die Formulierungen Arundhatis können gleichzeitig mehrere sich widersprechende Dinge zum Ausdruck bringen. Ein Beispiel: “She became Baby Kochamma when she was old enough to be an aunt, the terror of war and the horror of peace”. Solche “merkwürdigen” Sätze finden wir selten bei Ayu Utami, obwohl dies nicht bedeutet, dass sie gar nicht vorhanden sind. Ayu legt Gegensätze eher in mehreren Sätzen oder in einem Abschnitt dar. Ironie und Gegensatz erscheinen in The God of Small Things spontaner und frischer, in Larung dagegen eher geordnet und kontrolliert. Die Sätze Arundhatis sind humorvoller; es ist ein Humor, der sanfter mitreißt, durch eine linguistische Schaffenskraft lebendiger ist. Die Episoden Ayus sind lyrischer, surrealistischer.

Neben dem sprachlichen Genuss ist das “Erschaudern lassen” für den Leser die besondere Qualität der Romane Ayu Utamis. Im ersten Teil von Larung taucht dieses Schaudern bei der Schilderung auf, wie sich ein Enkel seinen zähen Bemühungen ergibt, seine Großmutter zu töten und zu zerstückeln. Die Großmutter lehrt ihren Enkel, bei Sonnenuntergang rote Käfer zu suchen, die aus der Erde kriechen. Sie eröffnet ihm die Bedeutung der Leere sämtlicher Werte und auch der Hoffnung– ein Zustand, in dem es keine Sprache zur Verständigung mehr gibt. Als ich einen bestimmten Satz in Larung las, griff ich nach einer Anregung oder – genauer gesagt – hoffte ich auf Anregungen für ein anderes noch größeres Schaudern. Der Satz war voll mit schwerer ontologischer Bedeutung, die Anlass für heftigste Auseinandersetzungen innerhalb der Philosophie und der Religion darstellt. Der besagte Satzteil lautet: „…bahwa alam tak punya tujuan“ (Seite 10 der indonesischen Ausgabe; auf Deutsch etwa: „…dass die Natur kein Ziel hat“). Sehr schade, dass dieser Satz ungenutzt bleibt und Larung nicht zu einer Geschichte macht, die sich mit der tatsächlich ziellosen Natur, d.h. die Natur, wie wir sie kennen, auseinandersetzt.

Trotzdem bleibt die komplexe Geschichte Larungs, wie er der Vergangenheit seiner Großmutter nachspürt, bis er ihren alten Körper, der derart am Leben hängt, zerstört, in einem Maße fesselnd, das bisher noch von keinem indonesischen Roman erreicht worden ist. Nur wenige Schriftsteller in Indonesien sind in der Lage, derart fesselnd und gleichzeitig so lyrisch wie Ayu zu schreiben. Der erste Teil des Romans Larung, der sich über 74 Seiten erstreckt, löste bei mir ähnlich Herzklopfen aus wie bestimmte Kapitel im Roman The God of Small Things, der den prestigereichen Booker Prize gewann.

Das Leseerlebnis während des ersten Teils von Larung habe ich im zweiten Teil vermisst. Der zweite Teil, der so zusagen „mit der Leistengegend beginnt“, stellt praktisch eine Fortsetzung von Saman dar (Anmerk. d. Übers.: Ayu Utamis vorheriger Roman, erschienen: 1998; Deutsche Übersetzung: Peter Sternagel, gleicher Titel, 2002). Für den Leser, der Saman bereits kennt, ist dieser Teil keine Überraschung mehr, kann sogar enttäuschend wirken. Besonders dann, wenn er noch einmal den Lesegenuss sucht, den er bei den Darstellungen des „Wunders“ von Prabumulih erlebte, als „(…) Saman noch nicht Saman hieß (…)“ („Saman masih belum bernama Saman”), als er noch zusammenlebte „(…) mit einer Mutter, die so schön war, dass sie nicht nur von Menschen geliebt wurde (…)“ (“seorang ibu yang demikian cantik sehingga dicintai bukan hanya oleh manusia”).

Interessant im zweiten Teil des Romans Larung ist das Aufbrechen der Stereotype von Frauen und so genannten Liebesaffären. Leser, die Schwierigkeiten mit dem Thema haben, könnten die Geschichten über sexuelle Begierde, die in diesem Teil allerdings tatsächlich sehr häufig vorkommen, jedoch lediglich als eine Art bloßer „Ästhetisierung von Sex“ auffassen. Im Wesentlichen liefert dieser „Fokus auf die Lendengegend“ keinen wichtigen Beitrag für die weitere Entwicklung des Romans; höchstens vielleicht als Raum für einen Ausbruch sexueller Hysterie. Sehr viele Episoden, die über Erzählungen der recht offenen weiblichen Figuren präsentiert werden, scheinen geradezu besessen mit diesem einen Thema zu spielen, so dass es nicht nur Ayu selbst zuviel geworden sein müsste. Aber dann gibt es auch Teile des Romans, in denen dieses Thema von der Autorin auf zarte und poetische Art und Weise vermittelt wird.

The God of Small Things handelt ebenfalls von einer Affäre, jedoch in der Form einer „verbotenen Liebe“, die die Grenzen der Kasten überschreitet. Arundhati Roy benötigt praktisch nur drei Seiten, um jene erotische Szene zu beschreiben, die an einer anderen Stelle im Buch vom Landgericht Kerala verhandelt wird. Es ist die Szene, bei der das Denken aufhört und das Gefühl der Angst schwindet und die Biologie die Führung übernimmt. Diese sehr poetische Beschreibung mit zarten Bildern hinterlässt einen tiefen Eindruck von der Absurdität des traditionellen Verständnisses von so genannten Liebesaffären. In The God of Small Things fordert diese unschuldige, aber als Affäre bezeichnete Liebe die Opfer von zwei Menschleben, von Schönheit, die Unschuld der Kindheit und eine zukünftige Generation, von der verlangt wird, aus der Geschichte zu lernen.

Verglichen mit Larung ist die narrative Struktur von The God of Small Things besser komponiert und konsistenter. Die Erzählstruktur ist zwischen Gegenwart und Vergangenheit geflochten. Sie spricht Ereignisse, die sich in der Zukunft ereignen werden, an, ohne sie jedoch zu lüften. Bestimmte Hinweise veranlassen den Leser zur Aufmerksamkeit, wobei er sich aber nicht gleich sicher sein kann, was diese Hinweise ihm sagen wollen. Der Leser wird immer wieder in vorherige Episoden gezogen und die Geschichte nach und nach gelüftet. Der Leser löst so Schicht um Schicht und deckt schließlich die Bedeutung des Romans als Ganzes auf.

Der Blickwinkel von Kindern – deren Vorstellungskraft und Neugierde, ihr schlichtes und noch lückenhaftes Verständnis, ihre Abhängigkeit und Angst, ihre Entschlossenheit selbständig zu sein, ihre Empfindlichkeit, Freundschaften und Neid, auch ihr Staunen – wird von Arundhati nicht nur sehr interessant dargestellt, sondern auch von Anfang bis Ende aufrechterhalten. Und weil Estha und Rahel nie wirklich erwachsen werden und deshalb „außerhalb des (allgemeinen) Zeit-Raum-Gefüges“ leben, kann The God of Small Things in der Tat als Anti-Bildungsroman betrachtet werden, der mit sprachlichen Innovationen und guten stilistischen Kniffen geschrieben wurde. Das Ergebnis ist ein Roman, der nicht nur ein Weltbestseller wurde, sondern auch für die enorme Lebenskraft der kreativen Kultur und Tradition Indiens steht.

Rahel Kochamma erinnert sich an die schönen Dinge ihrer Vergangenheit, um ihre tiefen Wunden zu heilen. Ich erinnere mich an die stärksten Teile in Larung und ebenso in Saman. Und in der Tat stellen die Beschreibungen über die „Tötung der Großmutter“ bei Larung, über „das Wunder in Prabumulih“ bei Saman und einige Episoden der beiden Romane, die für sich stehen könnten, ganz besondere Stücke im Schatz der indonesischen Romane dar, deren Qualität den besten Seiten bei Arundhati Roy in nichts nachstehen.***

Nirwan Ahmad Arsuka, Essayist, Literaturkritiker, Editor.

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung eines längeren Essays.

Übersetzung und Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

Copyright: Goethe-Institut Jakarta.

Translated from Indonesian by Sabine Müller

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